Digitalisierung gestalten – eine Momentaufnahme

Digitalisierung gestalten – eine Momentaufnahme

Auszüge der Keynote auf der Tagung der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung am 15.10.2018

von Prof. Dr. Sascha Friesike

1. Digitalisierung verändert die Gesellschaft?

Gerne wird behauptet, dass die Digitalisierung die Gesellschaft verändert. Dahinter steckt das überholte Weltbild des Technikdeterminismus, der davon ausgeht, dass die Anwendung einer Technologie schon in der Technologie selbst festgeschrieben ist. Später wurde in der Wissenschaft angenommen, dass jeder Umgang mit Technologie primär ein soziales Konstrukt sei. Heute wissen wir, dass beides den menschlichen Umgang mit Technologie nur unzureichend beschreiben kann. Um unseren gesellschaftlichen Umgang mit Technologie besser zu verstehen, sollten wir uns Gesellschaft und Technologie als verwobenes Geflecht vorstellen.

2. Warum wir glauben, dass Technologie die Lösung ist

Die Möglichkeiten, die Technologien bieten, werden viel zu oft am technischen Potenzial festgelegt. Die Umsetzung dieser Visionen scheitert jedoch gerne am Faktor Mensch, der nicht bereit ist, die Technologie so einzusetzen, wie sie mal erdacht wurde. Um Technologie zu verstehen, dürfen wir uns nicht, wie in der technischen Ausbildung typisch, mit dem Potenzial einer Technologie auseinandersetzen, sondern müssen viel mehr Energie darein stecken, zu verstehen, wie und warum Menschen Technologie nutzen.

3. Wissen im Wandel

“Wissen ist überall verfügbar” hört man immer wieder. Dahinter steckt die Idee, dass wir heute im Grunde jede Fragestellung googeln können. Doch die Aussage – Wissen sei überall verfügbar — könnte nicht verkehrter sein. Wir leben in einer Welt in der sich das Weltwissen etwa alle acht Jahre verdoppelt. Um aus einer Information neues Wissen machen zu können, muss man sie in ihrem Kontext verstehen. Das wird durch die Zunahme an verfügbarem Weltwissen jedoch zunehmend schwerer. Wissen ist daher nicht überall verfügbar, sondern wird immer seltener.

4. Lernen im Wandel

Da Wissen immer seltener wird, ist es für falsche Informationen immer leichter einen Nährboden zu finden. Das stellt auch unsere politische Bildung vor zunehmende Herausforderungen. Wir müssen umdenken, um Menschen das nötige Handwerkszeug mitzugeben, das sie brauchen, um sich in einer digitalen Welt zurecht zu finden und richtige von falschen Informationen unterscheiden zu können. Doch statt dieses Umdenkens findet in der Lehre ein anderes Umdenken statt: Der erschreckende Trend, dass fast alles in Videoformaten gelehrt werden soll. Video ist ein starkes Format, um Aufmerksamkeit für ein Thema zu erzeugen. Zum Lernen fehlen Video jedoch wesentliche Funktionen, so lernen Menschen sozial miteinander und durch wiederholte Anwendung. Für beides ist Video nur begrenzt hilfreich.

5. Inflation durch ständige Verfügbarkeit und Retro Trends

Im Zuge der Digitalisierung kommt es zu einem Angebotsüberschuss. Auf der Musik-Plattform Spotify kann man aus vielen Millionen Songs wählen. Durch dieses Überangebot entsteht eine Abwertung des „Gutes Musik“ – man kann eine regelrechte Inflation beobachten – die Währung “Musik” (und viele andere auch) verliert an Wert. Das sorgt für eine Werteverschiebung, es sorgt aber auch für einen Retrotrend. Genervt vom Überangebot werden wieder Platten gekauft, es wird wieder Analog fotografiert, es wird wieder mit Füller in ein Notizheft geschrieben, da das Digitale oft flüchtig wirkt.

6. Transparenz und Sichtbarkeit

Überall werden Wünsche laut, für mehr Transparenz zu sorgen. Transparenz hat jedoch nie einen Selbstzweck. Transparenz dient immer etwas anderem. So hat auch niemand ein Fenster, nur um ein Fenster zu haben. Man hat ein Fenster, um raus gucken zu können und Licht oder Luft reinzulassen. Im Zuge der Digitalisierung wird gern nach mehr Transparenz gerufen, wenn eigentlich mehr “Sichtbarkeit” einer Information verlangt wird. Sichtbarkeit und Transparenz sind jedoch nicht linear korreliert. Es gibt einen Punkt ab dem mehr Transparenz sogar zu weniger Sichtbarkeit führt. Man spricht dabei vom „Transparenz-Paradox“, das jeder kennt, von den zahlreichen Online-Privacy-Policies, die man mit „akzeptieren“ bestätigt und die so detailliert berichten, was man mit unseren Daten tun wird, dass niemand die Zeit hat, sie genau anzusehen.

7. Moonshots

Gerne wird im Zuge der Digitalisierung von sogenannten “Moonshots” gesprochen. Das sind Visionen für ganz große Projekte, wie die namensgebende Reise zum Mond in den 60er Jahren. Man bekommt jedoch nicht selten das Gefühl, dass inzwischen lieber über Moonshots gesprochen wird (für die es eigentlich immer an den nötigen Ressourcen fehlt) als die tatsächlichen und alltäglichen Probleme der Digitalisierung anzugehen. In der Bundesregierung redet man beispielsweise von “autonom fahrenden Flugtaxis” , während der Glasfaserausbau im OECD-Vergleich auf einem miserablen Niveau verharrt.

8. Disruption

Kaum ein Wort ist so eng mit der Digitalisierung verknüpft, wie “Disruption”. Dabei wird das Wort fast immer falsch verwendet. Das wissenschaftliche Konzept dahinter beschreibt eigentlich eine Innovation, die kostenlos oder sehr viel günstiger angeboten wird als der bisherige Status-Quo. In dieser Situation entscheiden etablierte Anbieter in ein Premium-Segment zu fliehen, weil dort noch Kund_innen mit einer hohen Zahlungsbereitschaft zu finden sind. Langsam aber sicher erobert die Innovation dann Marktanteile, bis auch die letzten etablierten Anbieter aus dem Markt verdrängt wurden. Die Wikipedia ist ein gutes Beispiel für Disruption. Initial von den großen Lexika als Hobbyprojekt abgetan, verloren Brockhaus und Co. langsam aber sicher ihre Kunden an die kostenlose Alternative. Wenn Anbieter wie etwa Air BnB jedoch als „disruptiv“ bezeichnet werden, dann zeugt das davon, dass die Theorie nie gelesen wurde, denn Air BnB ist weder kostenlos, noch deutlich günstiger als bestehende Alternativen. Das falsche Label der „Disruption“ birgt die Gefahr in sich, dass falsche Schlüsse gezogen werden, die fatale Folgen haben können.

9. Skeptische Neugier

Im Umgang mit Technologie fallen Menschen zunehmend in eine von zwei Kategorien. Zum einen eine Euphorie, die im Umgang mit Technologie nur riesige Chancen sieht und sich mit den Problemen erstmal nicht im Detail auseinandersetzen will – so wie die FDP in der letzten Bundestagswahl mit „Digitalisierung First, Bedenken Second“ warb. Zum anderen eine Gruppe an Verweigernden, denen jede neue Technologie zu viel ist und die schon bevor sie etwas Neues sehen oder testen können, wissen, dass sie es nicht wollen werden. Ein dritter Weg scheint vielversprechender: skeptische Neugier. Neugier beschreibt dabei ein grundsätzliches Interesse an Neuem, dies ist aber nur sinnvoll, wenn wir gleichzeitig Skepsis mitbringen und uns intensiv damit beschäftigen, wie wir Technologien in unserem Sinne und nicht im Sinne des Herstellers einsetzen können.

Autor_in

Prof. Dr. Sascha Friesike

VU Universität in Amsterdam
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